Was tun ohne Sattel???

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09.01.2017 08:27   •  von Eva Büttner   •   (Kommentare: 0)

- So nutzen Sie optimal die Sattelfreie Zeit aus -

Gastbeitrag von Dr. Dagmar Rümens Fachtierärztin für Pferde in Grevenbroich

Was tun ohne Sattel???

Falls der Sattel Ihrem Pferd Probleme bereitet hat, ist das Wichtigste eine Sattelkorrektur oder sogar die Bestellung eines neuen Sattels beim Sattler. Da der Bau eines guten Sattels oder auch die Sattelkorrektur Zeit braucht, nutzen Sie diese Zeit als eine Rehabilitationsphase, in der sich Ihr Pferd von einem Sattel erholen kann, der ihm vielleicht lange Unwohlsein oder sogar Schmerzen bereitet hat.

 

Arbeiten Sie während dieser Zeit auf andere Weise mit Ihrem Pferd. Stärken Sie Ihr Vertrauensverhältnis zu Ihrem Pferd, indem Sie Zeit mit ihm verbringen ohne zu reiten. Beschäftigen Sie Ihr Pferd mit Übungen, die die Körperwahrnehmung des Pferdes (Propriozeption) stärken. Arbeiten Sie Ihr Pferd vom Boden aus und bauen so die Muskulatur Ihres Pferdes auf. Sollte Ihr Pferd über sehr wenig Rückenmuskulatur verfügen, ist es sinnvoll, vor der Anpassung eines neuen Sattels zunächst einmal über mehrere Wochen (4-8 Wochen je nach Muskelstatus) durch Longen-Training die Muskulatur aufzubauen, da sich dadurch die Sattelmaße wieder deutlich verändern können.

 

Falls Ihr Pferd einen Sattel- oder Gurtzwang zeigt, braucht es mehrere Wochen/Monate bis das Schmerzgedächtnis Ihres Pferdes gelöscht ist. Es ist allerdings durchaus möglich, dass sich das unangenehme Gefühl eines schmerzenden Sattels beim Pferd so manifestiert hat, dass sich selbst bei einem neuen, korrekt angepassten Sattel der Sattelzwang nie mehr ganz verliert. Trotzdem können Sie mit viel Geduld und Gefühl eine deutliche Verbesserung in dieser sattelfreien Zeit erreichen. Im Folgenden erhalten Sie einige Tipps, wie Sie diese Zeit mit Ihrem Pferd sinnvoll nutzen können und einige allgemeine Ratschläge im Hinblick auf das weitere Training Ihres Pferdes.

 

Reitpause (ca. 2 -12 Wochen, ggf. auch länger)

Diese Zeit ist je nach vorhandener Rückenproblematik eine individuell bemessene Zeit. Bei Pferden mit sehr wenig oder falsch aufgebauter Muskulatur kann es bis zu einem Jahr dauern, bis dieser Zustand korrigiert ist, wobei in der Regel die Reitpause nach 8 bis 12 Wochen beendet werden und dann das vorsichtige Aufbautraining mit passendem Sattel und mit Reiter beginnen kann. Betont werden muss noch einmal, dass diese Zeit individuell ist und je nach Einzelfall kürzer oder länger sein kann.

 

Während der Reitpause:

a. ggf. Schmerztherapie (in Absprache mit dem Tierarzt)

b. Behandlung der Wirbelsäule (Mobilisation + Lösen von Blockaden in Zusammenarbeit mit Osteo-oder Physiotherapeuten)

c. Propriozeptionstraining ( s.u.)

d. Bodenarbeit ( s.u.)

e. Muskelaufbautraining durch Longen-Arbeit

 

Zu a.) Propriozeptionstraining

Propriozeption bedeutet die eigene Körperwahrnehmung. Nur wenn diese gut ist, kann ein Mensch oder auch ein Pferd seine Gelenke stabilisieren und sich gut ausbalancieren. Das Pferd erhält dadurch eine bessere Körperspannung, Balance und Reaktionsfähigkeit. Diese Körperwahrnehmung kann verbessert werden durch:

  • Berührung (Striegeln mit unterschiedlichen Bürsten)
  •  Massage (Lockerung verspannter Muskulatur, Durchblutungsförderung)
  • Verlagerung des Körpergewichtes des Pferdes (zB durch gegen Pferd lehnen)
  • Passives Bewegen der Gelenke
  • Führen auf unterschiedlichen Böden
  • Weidegang
  • Stangenarbeit
  • Cavalettiarbeit (nach dem Trainingsbeginn mit Reiter)
  • Geländereiten,etc…

 

Zu b.) Bodenarbeit

Bodenarbeit kann sein:

  • Longenarbeit (Buchempfehlung s.u.)
  • Doppellongenarbeit
  • Gelassenheitstraining( Gemeinschaftsaktion Cavallo und FN, siehe Internetseite FN)
  • Zirzensische Lektionen (Zirkuslektionen)

 

Zu den unterschiedlichen Arten der Bodenarbeit gibt es viel Fachliteratur (s. weitere Informationen unten). Die FN, die Landesreitschulen und auch viele Reitvereine bieten Kurse an, an denen Sie zusammen mit Ihrem Pferd teilnehmen können: Longierkurse, Doppellongenkurse, Gelassenheitstraining…).

 

Zu c.) Muskelaufbautraining

Aufbautraining an der Longe

Das Aufbautraining an der Longe dient dem Aufbau von Muskulatur ohne Belastung durch den Reiter. Dabei sollten einige grundlegende Dinge berücksichtigt werden:

 

  • geeigneter Ort
  • passende Ausrüstung
  • Hilfszügel: Lauferzügel, beide Seiten gleich verschnallt, muss natürliche Nickbewegung im Schritt ermöglichen
  • Stirn-Nasen Linie maximal handbreit vor der Senkrechten (Maul auf Höhe des Schultergelenks)
  • individueller Trainingsplan
  • Trainingseinheit besteht aus Lösungsphase, Arbeitsphase und Entspannungsphase
  • bei Pferden mit sehr wenig Muskulatur mit ca. 20 minütigen Trainingseinheiten beginnen
  • konsequente Haltung und Kommandos des Longenführers
  • beide Hände müssen gleichmäßig gearbeitet werden
  • Handwechsel nach 5 bis maximal 10 Minuten

 

Aufbautraining mit Reiter nach Sattelkorrektur

Zum Aufbautraining unter dem Reiter können nur einige allgemeine Tipps gegeben werden, da das Trainingsprogramm immer abhängig ist vom Ausbildungsstand und der Körperverfassung des einzelnen Pferdes. Ein individuelles Aufbauprogramm sollte zusammen mit einem Reitlehrer/Trainer erstellt werden.

  • vorsichtiges, langsames Angurten
  • Aufstiegshilfe!! (entlastet den Pferderücken und schont den Sattel)
  • lange Aufwärmphase
  • Vorwärts-Abwärts Reiten zum Lösen
  • Stärkung der Bauch-und Rückenmuskulatur (s.u.)
  • Muskelaufbau durch Wiederholen von Übungen/Trainingseinheiten
  • Loben nach erfolgreicher Lektion
  • Pause/Entspannung nach erfolgreicher Lektion
  • Geraderichten des Pferdes

 

Pferde verfügen in der Regel über eine angeborene oder erworbene Schiefe. In der Skala der Ausbildung gehört das Geraderichten zu den Pfeilern der Ausbildung eines Pferdes. Das Geraderichten eines Pferdes ist eine der schwersten reiterlichen Aufgaben, da Geraderichten nicht das korrekte geradeaus Reiten meint, sondern die gleichmäßige Entwicklung beider Körperhälften hinsichtlich Kraft und Gewandtheit (Biegung). Es kann sinnvoll sein hierfür die Hilfe eines guten Reitlehrers in Anspruch zu nehmen.

 

Stabilisierung der Wirbelsäule durch Stärkung der Bauch-und Rückenmuskulatur

Um die Wirbelsäule des Pferdes zu stabilisieren müssen gleichermaßen Rücken-und Bauchmuskulatur aufgebaut werden. Nach erfolgter Aufbauarbeit durch Longen -Training ohne Sattel, sollte der Aufbau dieser Muskulatur nun auch unter dem Reiter fortgesetzt werden. Nachfolgend einige Tipps zur Stärkung dieser Muskulatur. Erstellen Sie gemeinsam mit Ihrem Reitlehrer ein individuelles Trainingsprogramm für Ihr Pferd.

 

Galopparbeit

stärkt v.a. Bauch-, Rückenmuskulatur

Übergänge Trab/Galopp,Schritt/Galopp

stärkt v.a. Bauch-, Rückenmuskulatur

Übergänge Galopp/Trab

stärkt Vorhand und Übergang Hals-zu Brustwirbelsäule, Balance

Tempiwechsel in einer Gangart

verbessert Schwung, Losgelassenheit, Aufmerksamkeit

Schenkelweichen, Seitengänge

stärkt Brustmuskulatur, Adduktoren, Balance

Cavaletti Arbeit

trainiert Propriozeption, Koordination,

Hals-, Brust-, Bauch-, Rückenmuskeln

Geländereiten

trainiert Propriozeption, Balance,

stärkt Psyche

Gelände bergauf

stärkt Hinterhand, Balance

Gelände bergab

stärkt Vorhand, Übergang Hals-zu Brustwirbelsäule, Balance

 

 

Weitere Informationen

Fachliteratur Empfehlungen

 

• Longieren: In kleinen Schritten zu großen Kreisen, Weppelmann/Mensmann; Bodenarbeit: Praxiskurs Bodenarbeit, Teschen/Konnerth

• Verschiedene Pferdezeitschriften bieten Apps mit Trainingsplänen an. z. B. www.cavallo.de, KnowHow, Training etc.

 

• Longierkurse (DIPO,FN, FS Reitzentrum Reken, Pferdeakademie Köln, Reitvereine u.v.m.)

 

• Gelassenheitsprüfungen für Pferde (FN, www.fn-dokr.de, FS Reitzentrum Reken, www.fs-reitzentrum.de, Vereinigung der Freizeitreiter und -fahrer in Deutschland, www.vfdnet.de )

 

• Zirzensische Lektionen (FS Reitzentrum Reken)

 

• Cavaletti -Training u. vieles mehr (FN)

 

• Sitzschulungen für Reiter (Bewegungstrainer- Eckart Meyners: www.bewegungstrainer-em.org)

 

• Pferd/Sattel/Reiter Analysen (DIPO, www.osteopathiezentrum.de)

 

 

© Dr. Dagmar Rümens, Fachtierärztin für Pferde 1

 

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